Das Interview mit Christiane Schwede, FELDENKRAIS® Lehrerin habe ich am 2. April geführt:

Albrecht Köhler (Interviewer): Frau Schwede wie sind Sie persönlich zur Feldenkrais-Methode gekommen?

Schwede: Ich hatte schon mit Anfang 20 Schmerzen in den Hüftgelenken, schlechte Körperwahrnehmung, hatte Angst über einen Bach zu springen und war psychisch labil.

Mit 30 stand ich vor der Wahl einer Operation, beidseitige Beckendurchtrennung mit ungewissem Erfolg und monatelanger Rehabilitation. Ich zögerte und wurde Krankengymnastin. Eine Lehrerin prognostizierte, mit 50 werde ich künstliche haben. Gleich zu Beginn der Ausbildung kam die Gelegenheit, die Feldenkrais-Methode in einem Wochenend-Workshop kennenzulernen. Sie versetzte mich so in Erstaunen und der Entschluss war klar, alles auf diese Karte zu setzen, die zeitlich nächste Feldenkrais-Ausbildung in der Schweiz zu machen, möglichst wenig zu Fuß zu gehen, ganz „neu“ anzufangen. Das war nicht nur schön, meine Studien-Kollegen erlebten die schönsten Bergwanderungen und Skitouren, während ich bestenfalls in die Therme nach Leukerbad fuhr.

Interviewer: Wie ist Ihr Selbstversuch ausgegangen?

Schwede: Nun, am Ende der Ausbildung in der Schweiz nach 4 Jahren machte ich eine 2-tägige Gletscherwanderung. Inzwischen bin ich 60 und röntgenologisch ohne Befund.

Interviewer: Welche Erfahrungen haben Sie nach der Ausbildung als FELDENKRAIS® Lehrerin gemacht?

Schwede: Ganz klar, Menschen helfen, die Methode weitergeben und selbst weiter lernen. Menschen bewegen sich so, wie ihr Bild von sich selbst ist. Sind die Hüftgelenke Walzen oder Kugeln? Die Vorstellung, die man von sich selbst hat, ist sichtbar für die Mitmenschen. Das ist unser Selbstbild. Nicht nur die Vorstellung und Empfindung der eigenen Anatomie, auch die des Wünschens und Fühlens und dem, wie man im sozialen Umfeld agiert und reagiert, gehören zum Selbstbild. Man handelt danach.

Interviewer: Wie entstehen dann Ihrer Meinung nach Schmerzen?

Schwede: Vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter erproben wir unendlich viele Möglichkeiten und Varianten von Bewegung. Denken Sie daran, wie viele Herausforderungen ein Kind annimmt, wenn es die Welt erobert. Spezialisiert es sich, und das geschieht bereits in der Schule, wo es still sitzt, verringert sich die Bandbreite. Es entstehen einseitige Belastungen, sowohl für die Gelenke, als auch für Muskeln, Faszien und Organe.

Interviewer: Wie können wir unsere Bewegungs-Möglichkeiten erweitern?

Schwede: FELDENKRAIS® beschäftigt sich auch mit der Bewegungsentwicklung des Menschen, rollt sie sozusagen noch einmal auf. Nun sind die FELDENKRAIS® Schüler erwachsen, können wahrnehmen und mit Bewusstheit gestalten. Die Freude, die man empfindet, wenn Bewegungen leicht gehen, man sich neu entdeckt, Schmerzen weggehen. Unser Leben drückt sich in unseren Muskeln aus, man hat nur das eine Set! Denken, Fühlen, Motorik sind im Gehirn vernetzt.

Die Psychotherapie nutzt das Gespräch zur Weiterentwicklung, FELDENKRAIS® nutzt die Motorik, die Körperlichkeit. Ich möchte lieber den Begriff Leiblichkeit nehmen, er erfasst diese Gleichzeitigkeit von Motorik, Denken und Gefühl.

Interviewer: Die Feldenkrais-Methode wird als Lernmethode bezeichnet? Was ist darunter zu verstehen?

Schwede: Danke für diese Frage! Sie hat mich Jahre lang beschäftigt. Ist sie eine Erinnerungs­methode? Denken Sie nur, welche Koordinationsleistung es für ein Kleinkind ist, mit seinen Proportionen, dem großen Kopf, dem kleinen Leib, zum Stehen zu kommen. Ist das Gelernte noch da im Gehirn? Im Unterricht werden unzählige Fragen gestellt. Jeder Mitmachende probiert aus, findet, wie eine Bewegung am besten geht. Richtig und falsch gibt es nicht. Selbst wenn ein Ziel eingeführt wird, gibt es immer mehrere Möglichkeiten, auch solche, die nicht sofort dahin führen.

Ist sie eine Erfahrungsmethode? FELDENKRAIS® funktioniert durch das Interesse des Teilnehmers, das Geschick des FELDENKRAIS® Lehrers und in dem geschützten Lernraum. Ist das nicht genau das, was Lernen ist?

Interviewer: Um was geht es bei den Fragen, die im Unterricht gestellt werden?

Schwede: Die Fragen lenken den Prozess der Aufmerksamkeit des Experimentierenden. Sie gestalten das Lernen. Orientierung an sich selbst zum Beispiel, ein Bein in Bezug zum Arm bewegen, Orientierung im Raum, den Abstand zum Boden bestimmen. Timing, das Bein in gleicher Geschwindigkeit wie den Arm bewegen, Koordination, das Bein im gleichen Maß wie den Arm bewegen, beobachten, ob das Bein vom Becken aus bewegt wird, von der Wirbelsäule oder vom Fuß aus, wie die Augen beteiligt sind. Man findet durch das Experimentieren im Seitenvergleich heraus, ob sich die Bewegung links genauso gestaltet wie rechts. Man probiert stets verschiedene Varianten und erweitert so seinen Handlungsraum, Wahlmöglichkeiten entstehen. Die Wahl zu haben ist ein großes Thema in FELDENKRAIS®. Umkehrbarkeit ist ein Thema, eine Handlung zu beginnen, sie zu unterbrechen, umzukehren. Harmonie, eine Bewegung harmonisch werden zu lassen, ist eine sehr befriedigende Beschäftigung. Der Transfer in den Alltag folgt von selbst.

Interviewer: Weshalb liegen bei den FELDENKRAIS® Stunden immer alle am Boden?

Schwede: Es gibt genauso Lektionen im Sitzen, Stehen und Gehen. Auf dem Boden fällt die Auseinandersetzung des Nervensystem mit der Schwerkraft weg man kann sich konzentrieren und einlassen auf das, was gerade los ist.

Interviewer: Warum sind die kleinen Bewegungen so wichtig?

Schwede: Es gibt genauso große Bewegungen, vom Liegen zum Stehen beispielsweise. Wir beginnen mit kleinen Bewegungen. Sind die klar im Selbstbild, werden sie größer, das geschieht ganz von allein. Ich möchte betonen, es geht nicht um Bewegung, es geht darum, möglichst viele Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, ein großes Repertoire. Die Bewegung ist ein Mittel.

Interviewer: Stereotypen, Muster, vorgeprägtes Verhalten, das sind heute im Zusammenhang mit Stress, Leistungsverdichtung und Burn-Out häufig verwendete Begriffe. Ist die Feldenkrais-Methode eine Möglichkeit seine alten Pfade zu verlassen?

Schwede: Bewusstheit durch Bewegung und Selbstwahrnehmung wurden von Moshé Feldenkrais schon vor 70 Jahren als Wege zum Umlernen, zu besserem Selbstmanagement vorgeschlagen. Aus heutiger Sicht ist Moshé Feldenkrais aktueller denn je.

Interviewer: Frau Schwede, ich danke Ihnen für das Interview.

Schwede: Ich danke auch und hoffe, durch meine Antworten einzuladen zu noch mehr Fragen.

2 thoughts on “Das Interview mit Christiane Schwede, FELDENKRAIS® Lehrerin habe ich am 2. April geführt:

  1. Monika

    Juni 14, 2016 at 8:51pm

    Sehr schön erklärt – das Interview macht Lust auf weitere Feldenkraisstunden!

  2. Albrecht Köhler

    April 6, 2015 at 9:17pm

    Ja das klappt ja bis jetzt mit der Kommentarfunktion, wenn Du Name und Emailadresse hinterlässt.

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