Buchempfehlung zur Kommunikation und Konfliktlösung

Vor kurzem habe ich ein den Hinweis auf ein kleines Buch “Embodied Communication“ der beiden Autoren Maja Storch und Wolfgang Tschacher bekommen und möchte Sie auf dieses interessante und witzig geschriebene Buch hinweisen. Besonders wichtig erscheint mir der Praxis-Teil des Buches, der eine große Hilfe für den Umgang mit alltäglichen Konflikten darstellt. Was die Autoren hier auf 168 Seiten mit Kreativität und Anschaulichkeit zusammengefasst haben ist bemerkenswert.

Den wissenschaftlichen Teil, worin die Grundlagen von „Embodied Communication“ beschrieben werden sei jedem, der sich auch für die trockene Theorie interessiert, empfohlen. Hier kann ich den wissenschaftlichen Teil nicht detailliert darstellen.

Die wichtigste These:

Kommunikation entsteht im Moment, es gibt keine Botschaft, keine Richtung der Kommunikation und keine Kontrolle,

d.h. zwei oder mehrere Personen, die miteinander kommunizieren, bilden ein System der Selbstorganisation. Das Ergebnis der Kommunikation ist ein Zusammenspiel verschiedener Kräfte, die man als „synchronisiert“ bezeichnen könnte. Gemeint ist die gesamte Kommunikation nicht nur die verbale sondern auch Kommunikation auf körperlicher Ebene, wie Körperausdruck, Mimikry, Anspannung, sprachliche Betonung, etc. Das heißt der ganze Körper ist bei jeder Kommunikation mitbeteiligt und beeinflusst selbst auch rückwirkend unsere Stimmung und unser Denken.

Die Tatsache, dass Körper und Geist ein Ganzes sind, ist von Moshé Feldenkrais immer wieder formuliert worden und wird hier für den Bereich der Kommunikation zum zentralen Argument.

Zitat aus dem Buch Seite 67:

Alle beteiligten Personen freuen sich an einer Interaktion, die gut synchronisiert verläuft. Wir alle kommunizieren die meiste Zeit unseres normalen Alltags in diesem Modus. Gut synchronisiert zu sein ist oft so selbstverständlich, dass uns gar nicht auffällt, wie gut eine Interaktion gerade verläuft. Was jedoch sofort auffällt sind die Situationen in denen eine Interaktion nicht klappt:

– Der Ehemann presst für sich einen frischen Orangensaft und vergisst schon zum x-ten Mal seine Frau zu fragen, ob sie auch ein Glas möchte.

– Die jugendliche Tochter schlurft griesgrämig zum Frühstückstisch ohne die Anwesenden zu grüßen.

– Der Kollege hat schon wieder „vergessen“ mich in seiner E-Mail an die Chefin ins CC zu setzen.

– Die Freundin kommt 30 Minuten zu spät, das Konzert hat schon begonnen, und muss sich peinlich durch die Reihen in den nummerierten Platz in der Mitte quetschen.

In solchen Situationen geschieht etwas, das spezieller Aufmerksamkeit bedarf: Negativer Affekt entsteht. Negativer Affekt ist zunächst rein „embodied“ zu spüren, er bedarf keiner sprachlichen Benennung. Ob man sich in einem späteren Schritt, nach einer gründlichen Reflexion, dafür entscheidet, ihn mit Worten wie „Scham“, „Täuschung“, „Wut“, „Ärger“ oder „Verletztheit“ zu bezeichnen, ist in der ersten Phase, in der man einfach nur eine negative Affektlage bei sich beobachten kann, noch ohne Belang. Wir empfehlen, beim Auftauchen von negativen Affekten eine Affektbilanz anzufertigen – ganz ohne Worte. Benötigt wird nur eine Einschätzung der Intensität des negativen Affekts.

Storch und Tschacher schlagen vor, die Skala für negativen Affekt in 3 gleiche Bereiche zu unterteilen: schwache negative Affekte, mittlere und starke negative Affekte.

 

Es gibt 3 verschiedene Vorgehensweisen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen:

  1. schwache negative Affekte >>> einfach ignorieren !

Begründung: Die Autoren erheben stärkste Zweifel an der üblichen psychologischen Vorgehensweise über jede kleine Laus, die jemanden über die Leber läuft, sofort zu sprechen. Stattdessen sollte man insgesamt eine positive Atmosphäre schaffen, die für Beziehungen einen guten fruchtbaren Boden bereitet. Zitat: „Als Faustregel kann gelten, dass auf eine negativ affektive Äußerung mindestens 3 positiv affektive Bemerkungen folgen sollten“.

 

  1. mittlere negative Affekte >>> hier ist der negative Affekt zu stark um ihn zu ignorieren. Allerdings raten die Autoren in den Fällen eines mittleren negativen Affekts nicht dazu, mit dem Gegenüber in einem Prozess der Metakommunikation einzutreten! Stattdessen raten die Autoren, nach Lösungen zu suchen, die mit eigenem Selbstmanagement zu bewerkstelligen sind. Erneut weisen sie darauf hin, dass Metakommunikation extrem aufwendig, erschöpfend und nur mit Einschränkungen erfolgversprechend ist.

Beispiel Marianne von Seite 72: Obwohl es das offizielle Amt ihres ältesten Sohnes (14) ist, den Mülleimer im Auge zu haben und bei Bedarf zu entleeren sowie denselben mit einer neuen, leeren Mülltüte zu bestücken, kann Marianne sich nicht darauf verlassen, dass es zuverlässig geschieht. An manchen Tagen macht ihr der Anblick des vollen Mülleimers nur wenig aus, an anderen Tagen nervt es sie deutlich.

Weiter auf Seite 73: Zusammen mit Marianne suchen wir nach möglichen Aktivitäten, die ihr dabei helfen, ihren eigenen negativen Affekt zu vermindern. Was muss passieren, damit Marianne von ihrem minus 60 % herunterkommt? “ Also, es muss irgendetwas sein, das mit Rache zu tun hat“, sinniert sie.“ Das würde mir helfen, mich besser zu fühlen, würde mir sogar einen Affekt im Plusbereich bescheren. „Wenn ich mir vorstelle, wie blöd er aus der Wäsche schaut und wie er sich selber ärgert“. Wodurch könnte man den Ärger im Sohn auslösen? “ Haha, ich könnte das Passwort am Computer ändern!“ lacht Marianne laut heraus.

Weitere Lösungen finden sich schnell und werden aufgeschrieben.

 

  1. starke negative Affekte>>> schnell kommt es zu gegenseitigen Vorwürfen und verbalen Verletzungen. Zitat Seite 79: Immer dann, wenn wir bei einer bestimmten Thematik und damit einhergehenden starken negativen Affekten besonders leiden, ist davon auszugehen, dass ein ausgedehntes Netzwerk aktiviert wurde, das nicht aus einer einzigen Komponente besteht sondern aus einer Vielzahl von Assoziationen. In der Speicherung von psychischen Inhalten in Form von Netzwerken liegt in solchen Situationen auch das Kommunikations­problem. Es ist keineswegs nur ein einzelner Inhalt, den ich meinem Gegenüber in Form einer Botschaft zuwerfen kann und den er dann durch aktives Zuhören und eifriges Paraphrasieren „verstehen“ kann. Aus Sicht der „Embodied Communication“ sieht es in einer solchen Situation im psychischen System eher aus wie auf einer Pizza: Viele Komponenten verursachen ein allgemeines Durcheinander.

Wichtigste Schlussfolgerung der Autoren, die das Pizzabild bewusst verwenden: Das Werfen und Zurückwerfen der Pizza führt meistens zur Verhärtung der Fronten und sollte deshalb so schnell wie möglich gestoppt werden. Zitat Seite 84: Pizzawerfen führt zu keinem konstruktiven Ergebnis sondern nur in ein großes Schlamassel.

Ausnahme (Zitat Seite 109): Man muss nicht immer friedfertig sein und darf auch einmal mitteilen, wo die eigenen Grenzen liegen. Es ist erlaubt, einfach mal sauer zu sein und eine Pizza zu werfen. Die Autoren sind der Meinung, dass ein Pizzawurf zur rechten Zeit deutlich machen kann, dass hier eine Grenze überschritten wurde und dass sich einer von beiden Konfliktparteien neu synchronisieren muss, wenn beide miteinander auskommen wollen.

Weitere hilfreiche Tools zum Beispiel der Ideenkorb, das AAO-Geschenk oder der Umgang mit Konflikten unter Liebenden sind ebenfalls im Buch enthalten. Ein besonderes Highlight: Sämtliche Grafiken, die in dem Buch verwendet werden, können Personen, die selbst Kommunikationskurse geben wollen, kostenlos auf der Webseite www.ismz.ch herunterladen.

Das Interview mit Christiane Schwede, FELDENKRAIS® Lehrerin habe ich am 2. April geführt:

Albrecht Köhler (Interviewer): Frau Schwede wie sind Sie persönlich zur Feldenkrais-Methode gekommen?

Schwede: Ich hatte schon mit Anfang 20 Schmerzen in den Hüftgelenken, schlechte Körperwahrnehmung, hatte Angst über einen Bach zu springen und war psychisch labil.

Mit 30 stand ich vor der Wahl einer Operation, beidseitige Beckendurchtrennung mit ungewissem Erfolg und monatelanger Rehabilitation. Ich zögerte und wurde Krankengymnastin. Eine Lehrerin prognostizierte, mit 50 werde ich künstliche haben. Gleich zu Beginn der Ausbildung kam die Gelegenheit, die Feldenkrais-Methode in einem Wochenend-Workshop kennenzulernen. Sie versetzte mich so in Erstaunen und der Entschluss war klar, alles auf diese Karte zu setzen, die zeitlich nächste Feldenkrais-Ausbildung in der Schweiz zu machen, möglichst wenig zu Fuß zu gehen, ganz „neu“ anzufangen. Das war nicht nur schön, meine Studien-Kollegen erlebten die schönsten Bergwanderungen und Skitouren, während ich bestenfalls in die Therme nach Leukerbad fuhr.

Interviewer: Wie ist Ihr Selbstversuch ausgegangen?

Schwede: Nun, am Ende der Ausbildung in der Schweiz nach 4 Jahren machte ich eine 2-tägige Gletscherwanderung. Inzwischen bin ich 60 und röntgenologisch ohne Befund.

Interviewer: Welche Erfahrungen haben Sie nach der Ausbildung als FELDENKRAIS® Lehrerin gemacht?

Schwede: Ganz klar, Menschen helfen, die Methode weitergeben und selbst weiter lernen. Menschen bewegen sich so, wie ihr Bild von sich selbst ist. Sind die Hüftgelenke Walzen oder Kugeln? Die Vorstellung, die man von sich selbst hat, ist sichtbar für die Mitmenschen. Das ist unser Selbstbild. Nicht nur die Vorstellung und Empfindung der eigenen Anatomie, auch die des Wünschens und Fühlens und dem, wie man im sozialen Umfeld agiert und reagiert, gehören zum Selbstbild. Man handelt danach.

Interviewer: Wie entstehen dann Ihrer Meinung nach Schmerzen?

Schwede: Vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter erproben wir unendlich viele Möglichkeiten und Varianten von Bewegung. Denken Sie daran, wie viele Herausforderungen ein Kind annimmt, wenn es die Welt erobert. Spezialisiert es sich, und das geschieht bereits in der Schule, wo es still sitzt, verringert sich die Bandbreite. Es entstehen einseitige Belastungen, sowohl für die Gelenke, als auch für Muskeln, Faszien und Organe.

Interviewer: Wie können wir unsere Bewegungs-Möglichkeiten erweitern?

Schwede: FELDENKRAIS® beschäftigt sich auch mit der Bewegungsentwicklung des Menschen, rollt sie sozusagen noch einmal auf. Nun sind die FELDENKRAIS® Schüler erwachsen, können wahrnehmen und mit Bewusstheit gestalten. Die Freude, die man empfindet, wenn Bewegungen leicht gehen, man sich neu entdeckt, Schmerzen weggehen. Unser Leben drückt sich in unseren Muskeln aus, man hat nur das eine Set! Denken, Fühlen, Motorik sind im Gehirn vernetzt.

Die Psychotherapie nutzt das Gespräch zur Weiterentwicklung, FELDENKRAIS® nutzt die Motorik, die Körperlichkeit. Ich möchte lieber den Begriff Leiblichkeit nehmen, er erfasst diese Gleichzeitigkeit von Motorik, Denken und Gefühl.

Interviewer: Die Feldenkrais-Methode wird als Lernmethode bezeichnet? Was ist darunter zu verstehen?

Schwede: Danke für diese Frage! Sie hat mich Jahre lang beschäftigt. Ist sie eine Erinnerungs­methode? Denken Sie nur, welche Koordinationsleistung es für ein Kleinkind ist, mit seinen Proportionen, dem großen Kopf, dem kleinen Leib, zum Stehen zu kommen. Ist das Gelernte noch da im Gehirn? Im Unterricht werden unzählige Fragen gestellt. Jeder Mitmachende probiert aus, findet, wie eine Bewegung am besten geht. Richtig und falsch gibt es nicht. Selbst wenn ein Ziel eingeführt wird, gibt es immer mehrere Möglichkeiten, auch solche, die nicht sofort dahin führen.

Ist sie eine Erfahrungsmethode? FELDENKRAIS® funktioniert durch das Interesse des Teilnehmers, das Geschick des FELDENKRAIS® Lehrers und in dem geschützten Lernraum. Ist das nicht genau das, was Lernen ist?

Interviewer: Um was geht es bei den Fragen, die im Unterricht gestellt werden?

Schwede: Die Fragen lenken den Prozess der Aufmerksamkeit des Experimentierenden. Sie gestalten das Lernen. Orientierung an sich selbst zum Beispiel, ein Bein in Bezug zum Arm bewegen, Orientierung im Raum, den Abstand zum Boden bestimmen. Timing, das Bein in gleicher Geschwindigkeit wie den Arm bewegen, Koordination, das Bein im gleichen Maß wie den Arm bewegen, beobachten, ob das Bein vom Becken aus bewegt wird, von der Wirbelsäule oder vom Fuß aus, wie die Augen beteiligt sind. Man findet durch das Experimentieren im Seitenvergleich heraus, ob sich die Bewegung links genauso gestaltet wie rechts. Man probiert stets verschiedene Varianten und erweitert so seinen Handlungsraum, Wahlmöglichkeiten entstehen. Die Wahl zu haben ist ein großes Thema in FELDENKRAIS®. Umkehrbarkeit ist ein Thema, eine Handlung zu beginnen, sie zu unterbrechen, umzukehren. Harmonie, eine Bewegung harmonisch werden zu lassen, ist eine sehr befriedigende Beschäftigung. Der Transfer in den Alltag folgt von selbst.

Interviewer: Weshalb liegen bei den FELDENKRAIS® Stunden immer alle am Boden?

Schwede: Es gibt genauso Lektionen im Sitzen, Stehen und Gehen. Auf dem Boden fällt die Auseinandersetzung des Nervensystem mit der Schwerkraft weg man kann sich konzentrieren und einlassen auf das, was gerade los ist.

Interviewer: Warum sind die kleinen Bewegungen so wichtig?

Schwede: Es gibt genauso große Bewegungen, vom Liegen zum Stehen beispielsweise. Wir beginnen mit kleinen Bewegungen. Sind die klar im Selbstbild, werden sie größer, das geschieht ganz von allein. Ich möchte betonen, es geht nicht um Bewegung, es geht darum, möglichst viele Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, ein großes Repertoire. Die Bewegung ist ein Mittel.

Interviewer: Stereotypen, Muster, vorgeprägtes Verhalten, das sind heute im Zusammenhang mit Stress, Leistungsverdichtung und Burn-Out häufig verwendete Begriffe. Ist die Feldenkrais-Methode eine Möglichkeit seine alten Pfade zu verlassen?

Schwede: Bewusstheit durch Bewegung und Selbstwahrnehmung wurden von Moshé Feldenkrais schon vor 70 Jahren als Wege zum Umlernen, zu besserem Selbstmanagement vorgeschlagen. Aus heutiger Sicht ist Moshé Feldenkrais aktueller denn je.

Interviewer: Frau Schwede, ich danke Ihnen für das Interview.

Schwede: Ich danke auch und hoffe, durch meine Antworten einzuladen zu noch mehr Fragen.